[1902-1973]

Julius Schloss

Julius Schloss wurde am 3.Mai 1902 in Saarlouis als Sohn des Kaufmannes Max Schloss (1872-1955) und Clotilde, geb. Mann (1877-1964) geboren und studierte nach der Matura (10.März 1921, Saarlouis) zunächst (1921-1924) sowohl an der Universität Franfurt Chemia (wobei er bald zur Philosophie wechselte) als auch am Hochschen Konservatorium Komposition bei Bernhard Sekles.
Anfang 1924 wurde Schloss (nach einem unbedachten Witz) aus disziplinären Gründen aus dem Konservatorium ausgeschlossen, die folgenden Versuche, seine Werke bei den Verlagen Schott und Simrock unterzubringen, schlugen fehl.
Herbst 1924 versuchte Schloss, von Schönberg als Schüler aufgenommen zu werden, wurde von ihm aber nach seiner Übersiedlung nach Wien (Ende April 1925) an Alban Berg verwiesen, der ihn dann bis 1928 privat in Kontrapunkt, Formenlehre und Komposition unterrichtete.
Zudem wurde Schloss für Berg bald ein zuverlässiger Lektor und Korrektor sowie ein Mitwisser in intimen Dingen (noch 1934 und 1935 versuchte Berg, Schloss für diese Zwecke zur Rückkehr nach Wien zu bewegen).
Daneben inskribierte er von April 1925 bis Februar 1931 an der Wiener Universität Musikwissenschaft und besuchte am 'Neuen Wiener Konservatorium' den Dirigentenkurs bei Rudolf Nilius.
Bis zu seiner Rückkehr nach Saarlouis im Juni 1933 lebte Schloss dann als Komponist und Privatlehrer für musiktheoretische Fächer in Wien.
1933 wurde ihm für sein Requiem ein (1.) Emil-Hertzka-Preis der Universal Edition zuerkannt; 1932 komponiert, wurde es allerdings nie veröffentlicht oder aufgeführt. Trotzdem ist aus einer Reihe von Aufführungen der Jahre um 1930, die meist in Kongressen der IGNM stattfanden, ein vielversprechender Anfang der Laufbahn von Schloss als Komponist ersehen: 1929 das erste Streichquartett (1927) in Genf (IGNM Festival) und Duisburg, 1932 (IGNM Festval Wien) und 1933 (IGNM Festival Strassburg) seine Klaviersonate die ein besonderes Lob durch Alban Berg erfuhr.
1933 kehrte Schloss nach Deutschland zurück, musste als Jude jedoch auf jedwede Karriere verzichten, wurde beim 'Jüdischen Kulturbund Saarbrücken' aktiv und arbeitete in der Reichsanwaltkanzlei seines Bruders mit.    

Bald beschäftigte er sich mit der Idee, aus Deutschland auszureisen, wurde November/Dezember 1938 für fünf Wochen im KZ Dachau interniert und emigrierte schliesslich April/Mai über Genua nach Shanghai, wo er am 15.Mai eintraf.
Zuvor hatte er vergeblich versucht nach Palestina auszuwandern, obwohl er sich eine Bescheinigung der Universität Tel Aviv besorgen konnte, die ihm einen Studienplatz bestätigte.
Kurzzeitig trug er sich auch noch mit dem Gedanken, nach Kolumbien, Griechenland, Guatemala odr Kuba zu emigrieren, und schnitt sich eine Annonce mit einem Angebot des kubanischen Staates aus, auswanderungswillige Juden aufzunehmen.
In Shanghai wurde Schloss nach entbehrungsreichen Jahren (als Barmusiker) August 1947 als Nachfolger von Wolfgang Fraenkel Professor für Komposition am Nationalkonservatorium, musste August 1948 aber erneut seine Existenz aufgeben, da sich die politische Lage in Shanghai zuspitzte.

Schloss reiste in die USA, wo sein Bruder bereits seit 1938 lebte, siedelte sich in Belleville, New Jersey, an, doch blieb ihm trotz zeitweiser Erfolge als Komponist jedwede berufliche Karriere als Musiker versagt.
Mai 1949 hatte er Helene Berg angeboten, die Lulu zu vollenden, erhielt jedoch keine Antwort, am 10. September 1949 sandte er Schönberg zum 75. Geburtstag in bester Wiener-Schule-Manier einen Four part canon sine fine mit dem Text 'Happy birthday to you. to you, to you, and many happy returns'.

Schloss arbeitete nun in Fabriken, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in Reisepapieren wird sein Beruf mit "machinist" angegeben. (Eine dieser Fabriken baute immerhin Musikinstrumente für Kinder, und Schloss stellte hier auch Liederbücher für diese Kinder zusammen.)
Daneben pflegte er Kontakte mit vielen deutschen und österreichischen Emigranten, verkaufte Hans Moldenhauer seine 'Bergiana' und war bis zu seinem Tod ein streitbarer Vertreter der Dodekaphonie, der Werke der Avantgarde "schrecklich" fand ("Gegrunze" oder "Elektronanie").
Versuche, Verleger für seine Werke zu finden, schlugen jahrelang fehl, der Verlag Bomart erklärte sich 1950, nachdem Schloss für ihn die Stimmen von Schönbergs Survivor from Warsaw korrigiert hatte, lediglich bereit, Kopiaturen seiner Werke zu verkaufen bzw. zu verleihen.
Erst ab 1965 druckte der Verlag 'Peer International' vier seiner Kompositionen: die 23 Pieces for Children (1958), die 23 Studies for Children (1959), die Twelve-tone Suite for piano (1967/68) sowie die Twelve-tone Variations for Recorder Quartett von 1966/67). Aufführungen eines Werkes fanden lediglich 1949 und 1953 statt, dann spielte nur mehr Karl Steiner Kompositionen von ihm, bis Schloss 1969 - nach anonymer Einreichung - für seine Ballet Ouverture von 1933/34 den 1.Preis beim Internationalen Preisausschreiben in Triest gewann und diese dort am 24.Oktober 1969 erklang. Doch in den Jahren danach blieben die Erfolge wieder aus.

Schloss, der am 1.September 1954 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, besuchte Anfang 1957 seine in der Schweiz lebenden Eltern, 1960 erlitt er einen Herzinfarkt, 1963 folgte ein Magengeschwür, Juni 1964 ging er in Pension, am 3.Juni 1964 starb seine Mutter während eines Besuches in Bellville, wo er bis an sein Lebensende bei Bruder und Schwägerin wohnte. Im Sommer 1970 machte er noch einmal in Österreich Urlaub, traf dort u.a. noch einmal mit Hans Erich Apostel zusammen, am 26.Oktober starb er in Belleville.

Biographie aus : 'An: Karl Steiner, Shanghai', herausgegeben von Hartmut Krones (Schriften des wissenschaftszentrums Arnold Schönberg. 2013 Böhlau Verlag)


De kanadische McGill University in Montréal verwahrt einen umfassenden Nachlass von Schloss (siehe unten).
Photo's mit freundlicher Mitwirkung der Julius Schloss Collection zur Verfügung gestellt, ( S4.7 F14 sc 495 / S5.1F11 sc193), Marvin Duchow Music library, McGill University, Montreal, Quebec.


Julius Schloss Collection
Marvin Duchow Music Library
Collection Summary
Title:
Julius Schloss Collection
Span Dates:
1920 – 1973
Creator: Schloss, Julius, 1902 – 1973
Language:
Collection material in Dutch, English, French, German, Italian, Japanese, and Mandarin.
Repository:
Marvin Duchow Music Library, Schulich School of Music, McGill University,
Montréal, Québec, Canada
Abstract:
The Julius Schloss Collection consists of compositions, sketches, studies and analyses by the German-Jewish composer Julius Schloss, as well as correspondence, clippings, programs, reviews, photographs, and library of books and scores.
Of particular interest are valuable artefacts of Bergiana, including a handwritten Baudelaire poem in Alban Berg’s hand that served as the “secret poem” to the Lyric Suite, and documents pertaining to Schloss’s experiences in exile in Shanghai and the United States.
http://www.mcgill.ca/library/find/subjects/music/special/julius-schloss


bibl.: Hartmut Krones (Vienna) : article in Folkwang Studien, Volume 8, George Olms Publishing Company, Hildesheim - Zürich - New York, 2009